3 Monate – 3.5 Kilogramm

Vor 3 Wochen traf ich im Baneasa-Viertel Rozy, eine junge Frau, die früher auch in die Hausgemeinde gekommen war, mit ihrem 3 Monate alten Baby. Als ich diesen kleinen Jungen sah, erschrak ich sehr.
Er war trotz seiner 3 Monate immer noch nicht grösser als normalerweise ein Neugeborenes, von Babyspeck konnte nicht die Rede sein und die grossen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Zudem war der Kleine extrem schmutzig. Ich fragte die vierfache Mutter, die eine Tuberkulose-Erkrankung hinter sich hat, ob sie genügend Muttermilch für ihr Baby habe. Ja, sie habe Milch, aber die sei nicht ausreichend nahrhaft und deshalb nehme der Kleine nicht zu. Im Spital haben sie ihr geraten, zusätzliche Babymilch zu füttern, aber sie habe kein Geld dafür. Zum Familienarzt, der normalerweise das Milchpulver die ersten 2 Jahre gratis abgibt, könne sie nicht gehen, da ihre Identitätskarte abgelaufen sei und dadurch habe ihr Baby auch keine Geburtsurkunde erhalten.
Nachdenklich machte ich mich auf den Heimweg. Eine verstrickte Situation. Natürlich wollte ich helfen. Doch wir hatten in der Vergangenheit eher schlechte Erfahrungen mit dieser Frau gemacht und es braucht immer viel Weisheit, wie zu helfen ist. Das Bild von diesem unterernährten Baby ging mir nicht mehr aus dem Kopf und jedes Mal, wenn ich betete, erinnerte Gott mich an den kleinen Jungen und ich merkte immer deutlicher: Ich habe da eine Verantwortung. An einem verregneten Freitagmorgen suchte ich alles Nötige zusammen, kaufte Säuglingsmilchpulver und machte mich auf den Weg ins Baneasa.
Rozy war überrascht, als ich bei ihr anklopfte und mich nach ihrem Baby erkundigte. Natürlich freute sie sich, dass ich sie und ihren Kleinen mit dem Auto ins Programmhaus mitnahm. Wir badeten das Baby und ich zeigte ihr, wie sie den Milchschoppen zubereiten muss. Frisch gebadet trank der Kleine gierig den Schoppen leer und schlief anschliessend zufrieden in den Armen seiner Mutter ein.
Ich sprach noch mit Rozy über die Sache mit der Identitätskarte und erfuhr, dass sie kein Geld hatte, diese zu verlängern und deshalb auch kein Kindergeld bekomme. Sie bat mich, mit ihr auf das zuständige Amt zu kommen und für sie zu bezahlen. Weil ich Rozys Situation kenne und auch wusste, dass ihr Mann vor wenigen Tagen vom Dach gefallen war und nun nicht arbeiten kann, empfand ich es als richtig, ihr mit der Identitätskarte zu helfen. Umgerechnet kostete das Ganze etwa sechs Franken und es ermöglicht ihr nun, viele Leistungen für sich und ihre Kinder gratis zu bekommen.
Mittlerweile habe ich ihr noch einmal Nachschub für den Kleinen gebracht und erfahren, dass er viel zufriedener sei und den Schoppen gut trinke.
Dieses Erlebnis war für mich einmal mehr ein Zeichen von Gottes Barmherzigkeit. Er kümmert sich um jedes noch so kleine Kind und schenkt dort Hilfe, wo es nötig ist. Ich bin froh, kann ich mich von ihm leiten lassen, wenn es um praktische Hilfe geht und muss nicht aus meiner eigenen Weisheit entscheiden, ob und wie ich nun helfen soll.
Evelin Bucher



